Thesen zur Lehre

Vor 500 Jahren hat Martin Luther Thesen zur Reformation der
Kirche ans Portal der Schloßkirche in Wittenberg angeschlagen.

Vielleicht sollte man die folgenden Thesen zur „Reformation“
der Lehre an die Türen mancher Hörsäle anschlagen :

Eine lebendige Vorlesung entsteht nur , wenn ohne Manuskript
vorgetragen wird ! Das wird jeder Vorlesende bestätigen ,
         der einmal sein Manuskript vergessen hat.

Formalistische Beweise müssen durch heuristische Betracht-
                    ungen ergänzt werden !

Axiomatisierungen dürfen nicht am Anfang stehen. Sie stehen
genetisch betrachtet am Ende einer langen Entwicklung.

Ein guter Lehrer hat nur eine Sorge : zu lehren , wie man
        ohne ihn auskommt. (Andre Gide (frz. Schriftst))

Sicherheitsdenken ist kontraproduktiv ! Fehler und Irrtümer
sind unverzichtbar und etwas völlig Natürliches !

Lernende wollen den Sinn von Definitionen „verstehen“ ! Es
ist kontraproduktiv , jeweils nur eine Definition anzugeben !

Es muß nicht alles bewiesen werden ; man kann Sätze auch
einfach vorstellen und plausibel machen !

Es ist fundamental wichtig , auf Holzwege und Irrwege der
Mathematik (wie jeder anderen Wissenschaft) einzugehen !

Lehren ist eine Kunst : in Vorlesungen sollten nur die groben
Richtlinien vermittelt werden , nicht die Kleinigkeiten !

Frontalunterricht ist notwendig ; er muß jedoch von anderen
Unterichtsmethoden begleitet werden.

Mathe ist an sich nie langweilig ; wir machen sie langweilig !